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Sedierung am Lebensende darf nicht alltäglich werden

Malteser_Palliativmedizin

In einem Beitrag im Malteser Blog In Würde sterben, nicht: schlafen bis der Tod kommt" von Palliativmediziner Professor Lukas Radbruch klingt an, das die so genannte "palliative Sedierung" sterbender Patienten nicht mehr überall eine letzte Möglichkeit zur Linderung unerträglicher Schmerzen und damit eine Ausnahme der Regel zu sein scheint. Vielmehr, so der Eindruck, werde das Etikett einer „palliativen“ Sedierung in eine Alltäglichkeit überführt.

Diese Normalität ist bedenklich und lässt die Grenzziehung zu einem euthanasierendem Sterben verschwimmen. Als Nichtmediziner habe ich die Sedierung in der letzten Lebensphase immer so verstanden, dass diese häufig eine (vor-)letzte Möglichkeit ist schwer kontrollierbaren Schmerzzuständen und Symptomen zu begegnen, indem eine vorübergehende „Ent-Spannung“ herbeigeführt wird. Die Sedierung ist derart kontrolliert durchzuführen, dass im Prinzip jederzeit der erreichte „beruhigte Zustand“ in einen wachen Zustand überführt werden kann.

Diese Intention ist wichtig und steht für eine Haltung, die sich aktiv mit dem schwerkranken Menschen auseinandersetzt, um ihn eine höchstmögliche Bewusstheit seiner Situation zu ermöglichen bzw. diese zu erhalten. Diese Haltung erfordert Aufmerksamkeit und Zeit. Sie lässt keinen Raum für einen „zeitsparenden“ Umgang mit einem schwierigen Krankheitsverlauf oder gar einem möglicherweise anspruchsvollen Patienten.

Wo diese Intention aber nicht mehr deutlich erkennbar ist, ist die Abgrenzung zu einer aktiven Sterbehilfe kaum noch möglich und spielt denen in die Karten, die immer schon vereinfacht behauptet haben, dass aktive Sterbehilfe und Palliativmedizin sich doch nur graduell unterschieden.Deshalb kritisieren die Malteser die Zunahme des künstlichen Dauerschlafs für Sterbende. Und gerade deshalb auch ist der Beitrag von Professor Radbruch, der das Malteser Zentrum für Palliativmedizin am Malteser Krankenhaus Sel. Gerhard in Bonn und den Lehrstuhl für Palliativmedizin an der Universität Bonn leitet, von großer Bedeutung: Er lässt nicht zu, dass „Sedierung“ zum unreflektierten Alltagsinstrument eines Arztes wird, sondern mit Bedacht und nur im ausdrücklichen Interesse des Patienten erfolgen darf.

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Geschrieben von Dirk BluemkeDruckversion


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6 Responses »

  1. Seit gestern ist meine Mutter sediert. Sie hat es sich so gewünscht. Zur Vorgeschichte: Meine Mutter war immer eine Frau, die selbstbestimmt war, und 100% , fast krankhaft, darauf geachtet hat, dass niemand sie kontrolliert.
    Nun musste sie erleben, wie sie im Endstadium ihrer Krebserkrankung tagtäglich immer mehr von dieser Selbstkontrolle abgeben musste. Hilfe beim Toilettengang, Hilfe beim Abführen , das geht auch mal ins Bett, Hilfe beim Waschen und zum Schluß fielen ihr die Wassergläser aus der Hand. Dazu permanente Übelkeit , Schwindel. Sie wollte in die Schweiz, das hat ihr die Zeit nicht mehr erlaubt. Das Hospiz bot ihr die Sedierung ab, in allen Varianten, und auch mich gefragt.
    Meine Mutter und ich haben uns dafür entschieden, meine Mutter wollte keine Schmerzen mehr, und es ist eine Lüge. dass es Schmerzfreiheit gibt. Das haben alle nicht geschafft. Sie wollte auch die Selbstauflösung nicht weiter miterleben.
    Es ist schwer, sie nun so da liegen zu sein, der Verfall ist rapide, aber ich tröste mich, dass sie hoffentlich schön träumt und in ihren Tod hinüberschlummert, ohne Angst, ohne Schmerzen, ohne mitzuerleben, wie sie verfällt.
    ich wünsche mir, dass ich diese Hilfe auch einmal bekomme.

    Wer sind wir, wer sind die Ärzte, die ach so ethisch darüber diskutieren? Seht euch die Lebensgeschichte der Patienten an, dann entscheidet. Die Holländer und die Schweizer sind uns Scheinheiligen Lichtjahre voraus.

    • Meine Mutter ist wohl in dem Moment, in dem ich den Kommentar geschrieben habe, verstorben. Sie hat friedlich weitergeschlafen, hat aufgehört zu atmen. Sie sah ganz entspannt aus.

  2. Grüss Euch,

    mein realer Name ist denke ich hier nicht relevant. Ich persönlich bin Betreuungskraft und das *Sterben* meiner Bewohner ist mit bekannt ! Ich möchte mich hier, nicht weil ich einer gehobenen Sprache nicht mächtig bin, einfach, in klaren Worten, hierzu äußern!!!!
    In meinem Beruf, den ich mit Sicherheit allumfassend liebe, gibt es eben auch diese Grenzsituationen im hinübergleiten in die Unendlichkeit. Ich habe in den letzten Jahren vieles erlebt und erleben müssen und ich frage mich immer wieder weshalb Menschen die dem Tode geweiht sind, davon auch wissen, oder auch nicht, die unsagbare Angst vor dem *sterben* haben ... nicht *sediert* werden ... ??? Tatsächlich habe ich persönlich noch keinen einzigen Bewohner, ( ich arbeite mit Demenz, Alzheimer, Parkinson und Suchterkrankten) in den letzten 3 Jahren .....ANGSTLOS gehen sehen !! Wer will das für wen überhaupt entscheiden ????

    Ich persönlich bin Krebspatientin seit einigen Monaten ... Ich weiss nur eines und dies ist notariell niedergelegt ... Ich will nicht verhungern, nicht verdursten, nicht ersticken und egal wie ... keine ANGST haben müssen !!!!

    Grüss Euch und zerreißt meine Meinung nicht !

    • Vielen Dank für Ihre klare und offene Stellungnahme. In der Tat ist eine Sedierung für Menschen, die unsagbare Angst vor dem Sterben haben, eine gute Option. Allerdings erlebe ich in meiner Arbeit viel öfter, dass die Sterbenden selbst gar nicht so viel Angst haben, und manchmal sogar die Angehörigen mehr die Beruhigung brauchen als die sterbenden Patienten selbst.

      Vor allem aber sollten wir zuerst daran denken, dass die anderen Maßnahmen der Symptomlinderung ausgenutzt werden! Luftnot kann mit Morphin (oder anderen Opioiden) gut gelindert werden, Durst durch gute Mundpflege gemildert werden (besser als mit Infusionen). Viele Menschen haben furchtbare Angst vor Ersticken, Verdursten oder Verhungern, und haben vielleicht in der Vergangenheit bei Angehörigen oder Freunden einen qualvollen Tod erleben müssen. Eine gute Palliativversorgung kann dies in fast allen Fällen verhindern, und das Sterben auch ohne Sedierung erträglicher machen.

      Was für den einzelnen Patienten am Lebensende am besten ist, lässt sich nur durch klären, indem wir darüber sprechen. Eine Patientenverfügung, in der die persönlichen Vorstellungen und Werte für die letzte Lebensphase zusammengefasst werden, kann dabei sehr hilfreich sein.

      • Sehr geehrter Herr Prof. Radbruch,
        ich weiß es sehr zu schätzen, dass Sie schon wiederholt daraufhin gewiesen haben, dass die palliative Sedierung nicht erfolgen soll und darf wenn dies für den Patienten nicht nutzbringend ist ud auch gar nicht gewollt.
        Beim Tode meines Vaters in einer Palliativstation habe ich leider erlebt, dass wohl dieMorphingaben zu einem Atemstillstand geführt habe und er mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen erstickt ist. Als ich nach der Schwester klingelte und um Hilfe für meinen Vater bat, erschien diese kurz, verschwand blitzschnell - ich dachte, sie holt einen Arzt - und erschien nicht wieder, auch niemand anderes erschien bis mein Vater seinen Todeskampf beendet hatte, das Herz schlug noch sehr sehr lange. Da mei Vater unmittelbar bis zu diesem Atemstillstand normal geatmet hat, jedoch kurze Zeit vorher zwei Pflegekräfte uns Angehörige - entgegen dem, was ansonsten üblich war - energisch aus dem Zimmer geworfen hatten (wir hatten ihn zuvor rund um die Uhr nicht alleine gelassen), fürchte ich, dass die unbeobachtete Zeit genutzt wurde, die Morphingabe zu erhöhen.
        Dies war ganz und gar nicht im Sinne meines Vaters, der gar nicht über Schmerzen, nur über Übelkeit geklagt hatte, als er im Krankenhaus eingeliefert wurde am Vorabend seines Sterbens.
        Ich fürchte, dass dieses Vorgehen auf zumindest auf der mir bekannten Palliativstation kein Einzelfall ist und würde gerne andere Patienten vor diesem Schicksal bewahren um ihren natürlichen Tod gebracht zu werden, der im Falle meines Vaters höchstvermutlich absehbare Zeit später von selbst und ohne das qualvolle Ersticken eingetreten wäre.

        • Es tut mir sehr leid, dass Sie den Tod Ihres Vaters so schrecklich erlebt haben. In einem Punkt möchte ich Sie allerdings beruhigen: bei Erhöhung der Morphingabe kann es eigentlich nicht zu einem qualvollen Ersticken kommen. Selbst wenn die Atmung durch hohe Opioiddosierungen beeinträchtigt wird, dann steht das doch im Zusammenhang damit, dass sehr hohe Opioiddosierungen den Atemantrieb verringern, und die Patienten dann eben keine Luftnot haben und kein Erstickungsgefühlt. Wir geben Morphin ja sogar als wichtigstes Medikament gegen Luftnot und Erstickungsgefühl, mit sehr gutem Effekt.

          Ich kann natürlich nicht beurteilen, was bei Ihrem Vater passiert ist, aber es könnte durchaus auch sein, dass er aus einem anderen Grund stärkste Luftnot hatte, und die Mitarbeiter der Station ihm Morphin gegeben haben gegen seine Luftnot.

          Das ändert natürlich nichts an Ihrer Schilderung, wie alleine gelassen Sie sich fühlten in dieser Situation.

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