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Ethisch heikel: Tests an Menschen mit schwerer Demenz

IMedikamententest-Demenzst es Zufall oder doch eine Methode zum Durchpeitschen heikler Gesetzesentwürfe? Wir stehen am Vorabend der Europameisterschaft in Frankreich und im Bundestag steht die Vorlage des Bundesgesundheitsministeriums auf der Agenda, nach der künftig Arzneiversuche an Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium zulässig sind. In einem Stadium also, in dem sie in aller Regel nicht mehr einwilligungsfähig sind. Und in dem sie von den getesteten Medikamenten ohnehin nicht mehr profitieren können, weil ihre Lebensdauer begrenzt ist.

Die Befürworter des Gesetzes verweisen darauf, dass die Betroffenen ja immerhin vorab, in gesundem Zustand, ihr Einverständnis via Patientenverfügung geben müssen. Und dass es in ihrem Sinne sein dürfte, wenn künftig Demenzkranke durch entsprechende Medikamente geheilt werden könnten. Außerdem sei das Ganze sowieso heuchlerisch, weil die einzigen Antidementiva mit der Indikation „schwere Demenz“, die Memantine nämlich, erst nach Tests in anderen Ländern die Zulassung in Deutschland bekommen haben – das Problem also pharisäerhaft ausgelagert sei.

Andererseits sagen die forschenden Arzneimittelhersteller, dass sie gar keine Gesetzesänderung brauchen, weil ihre klinischen Studien so konzipiert sind, dass demenzkranke Teilnehmer einen individuellen Nutzen davon haben und sie deshalb ohnehin immer genehmigt werden.

Manche erinnern sich vielleicht noch an die (später vom Bundesrat wieder gekippte) Reform des Meldegesetzes, wonach der Verkauf von Bürgerdaten an Firmen und Adresshändler durch Ämter und Kommunen zulässig gewesen wäre – ohne Einverständniserklärung der Betroffenen. Das war während der Fußball-EM 2012. Und während der WM 2014 sollte das Fracking-Gesetz durchgewunken werden. Hat aber auch nicht geklappt.

Gut, dass wenigstens im letzten Moment immer jemand „Stopp“ ruft und Gesetzesvorhaben doch noch einmal auf den Prüfstand kommen. In diesem Fall war es die CDU-Fraktion, die für einen Aufschub von zwei Wochen gesorgt hat. Und dafür, dass nicht an einem späten Abend unter Ausschluss der Öffentlichkeit und wohl auch der meisten Abgeordneten – das Plenum pflegt um 22 Uhr eher leer zu sein – im Hauruckverfahren ein Tabu gebrochen wird, das immerhin 75 Jahre Bestand hatte: keine Medikamtentests an Personen, die davon keinen Nutzen haben.

Noch besser, wenn sich die Abgeordneten für dieses bioethisch brisante Thema Zeit nehmen und eine kluge Abwägung zwischen der absolut schützenswerten Würde nicht-einwilligungsfähiger Menschen einerseits und dem ihnen möglicherweise zugute kommenden medizinischen Fortschritt andererseits vornehmen. Und wenn am Ende die Abstimmung nicht dem Fraktionszwang, sondern dem Gewissen unterliegt.

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Geschrieben von Katharina von CroyDruckversion


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