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Brauchen wir (keine) Palliativstationen?

Palliativstation„Es gibt keinen Tod erster Klasse“ titelt Spiegel Online in einem Beitrag zum „Alltag in Palliativstationen“, und zieht ein ernüchterndes Fazit:

Sie sollen Sterbenskranke in der letzten Lebensphase begleiten und ihnen einen würdevollen Abschied bereiten. Doch auf vielen Palliativstationen arbeiten Ärzte und Pfleger an der Belastungsgrenze. Dabei verkommt Menschlichkeit zur Nebensache.

Natürlich sind die Verhältnisse auf vielen Palliativstationen nicht so ideal, wie wir Palliativmediziner dies haben wollen. Wie wäre es aber, wenn es die Palliativstationen in Deutschland nicht geben würde? Dann würden diese Menschen auf anderen Krankenhausstationen sterben, und dort sicher nicht besser, sondern in den meisten Fällen schlechter versorgt werden. Denn hier gibt es mehr Personal als in anderen Bereichen des Krankenhauses, und dieses Personal ist besonders geschult.

Natürlich ist die Belastung der Ärzte und Pflegekräfte auf einer Palliativstation hoch, aber wenigsten reden wir untereinander darüber und helfen uns gegenseitig. Konstruktiv gewendet heißt das aber: Gegen den „Verschleiß“ brauchen wir eine gute Ausbildung und wir brauchen Strukturen, in denen Ärzte und Pflegepersonal auch gut aufgefangen werden. Auch hier können spezielle Palliativstationen andere Angebote machen als Normalstationen.

Und natürlich dürfen wir uns nicht darauf ausruhen, nur an einigen wenigen Spezialeinrichtungen eine gute Palliativversorgung anzubieten. Wir brauchen Palliativwissen und Verständnis auch in der Breite. Deshalb ist seit 2009 Palliativmedizin als Pflichtfach im Medizinstudium verankert, deshalb hat jeder Student, der als Arzt approbiert wird, seitdem mindestens Grundkenntnisse der Palliativversorgung gelernt. Unser Malteser Zentrum für Palliativmedizin in Bonn leistet mit der angeschlossenen Akademie für Palliativmedizin einen Beitrag zur Fort- und Weiterbildung von Ärzten, Pflegekräften und Menschen in psychosozialen Berufen. Damit sehe ich uns zumindest auf dem richtigen Weg.

Im übrigen kann der Ausbau der Palliativstationen – gemeint sind hier solche Palliativstationen, in denen Standards der Fachgesellschaften wie der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin auch umgesetzt sind und die nicht bloß als solche deklariert sind – nicht die einzige Antwort sein auf das Leiden sterbender Patienten.

Die meisten Menschen möchten in der vertrauten Umgebung sterben – wie sollte es auch anders sein? Deshalb hat der Ausbau der ambulanten Palliativversorgung sowohl zuhause wie in den Pflegeheimen hohe Priorität. Tatsächlich wird diese Versorgung ja auch in vielen Teilen Deutschlands langsam besser, auch wenn wir noch zu viele weiße Flecken auf der Landkarte finden, in denen es gilt, Angebote der ambulanten palliativ- und Hospizversorgung zu schaffen oder diese merklich auszubauen.

Es stimmt schon: den „Tod erster Klasse“ sterben wir auch auf unseren Palliativstationen nicht, und Palliativstationen sind nicht pauschal für jede Situation die beste Lösung. Aber sie sind notwendig, denn hier können wir eine Versorgung gewährleisten, die andernorts nicht möglich wäre. Genau dafür brauchen wir die Palliativstation mehr denn je.

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Geschrieben von Lukas RadbruchDruckversion


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