Weblog der Malteser in Deutschland

Weniger ist mehr: Weihnachten für Menschen mit und ohne Demenz

Weihnachtskerze PopartWer an einem x-beliebigen Tag in der Vorweihnachtszeit – inzwischen sogar an manch einem Adventssonntag – eine deutsche Innenstadt betritt, erlebt dort das ultimative Worst-Case-Szenario für einen Menschen mit Demenz: brechend volle Straßen, hupende Autos, blinkende Lichterketten, Weihnachtsliedchen in der Endlosschleife, ein Geruchsinferno aus Glühwein, Bratwurst und Reibekuchen und rücksichtslose Shopper mit Tunnelblick im Kaufrausch.

Orientierung? Schon für jeden Menschen, der ein bisschen langsamer tickt, ein bisschen schlechter hört und nicht mehr so gut sieht, eine Herausforderung. Ruhe und Besinnlichkeit? Wer glaubt, dies sei das Besondere an der Vorweihnachtszeit, lebt noch im vorigen Jahrhundert. Einstimmung auf Weihnachten? Ja klar, das ist doch das Fest mit maximal Essen, Trinken und Geschenken. Der Anlass? Egal, das mit Jesu Geburt gilt eh nur für die paar Christen, die noch daran glauben. Diese Einstellung ist inzwischen weit verbreitet, und die Konsum- und Glitzerspirale dreht sich von Jahr zu Jahr schneller.

Stopp! Wie wäre es, einen Perspektivwechsel vorzunehmen und diesen Weihnachtswahnsinn aus dem Blickwinkel eines Menschen mit Demenz zu betrachten? Vielleicht hilft uns das, innezuhalten und darüber nachzudenken, worum es eigentlich geht, wenn wir Weihnachten feiern. Und dann wird es uns auch gelingen, Weihnachten mit Menschen mit Demenz zu feiern: schlicht und einfach, mit einem Kirchgang, läutenden Glocken, dem (Vor-)Lesen der Weihnachtsgeschichte, dem Singen altvertrauter Weihnachtslieder und – ja, auch mit einem festlichen Essen und aufmerksamen Kleinigkeiten.

Ein altmodisches und sentimentales Szenario? Vielleicht, aber eines, das uns an die Wurzeln des Glaubens und an die Sinnhaftigkeit unseres Lebens zurückführen kann. Und ein Szenario, in dem Menschen mit und ohne Demenz einander in Ruhe begegnen und miteinander feiern können.

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Geschrieben von Katharina von CroyDruckversion


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2 Responses »

  1. Meine langjährige und befreundete Nachbarin,88, fragte mich vorige Woche, wieso das Törchen zum Garten nun zugeschlossen sei. - Ich erwiderte: "Das Holztörchen mitsamt dem kaputten morschen HolzZaun wurde doch vor mehr als drei Jahren erneuert bzw. ist ausgetauscht worden gegen den jetzigen EisenGitterZaun und nunmehr ohne EingangsTörcen auf Eurer Seite hinter den MüllTonnen". - Sie: "Ich bin doch nicht verkalkt, vor kurzem bin ich doch da durchgegangen. Und jetzt ist es zugeschlossen. - Ich sagte: "Geh runter und vergewissere dich!" Sie tat es und rief mich per Telefon zurück und sagte: "Du hast Recht, aber das war doch vor Tagen oder Wochen noch nicht so". - Ich sagte: "Einer von uns beiden hat ein ErinnerungsProblem, laßt uns die Nachbarn und den Vermieter fragen". - - Ist es nun richtig, dass sie sich vergewissert oder soll ich so tun, als hätte sie Recht ? - ..., - Fragt Horst Schmitt aus Essen an der Ruhr

    • Sehr geehrter Herr Schmitt,

      Sie haben uns auf einen Blogbeitrag hin geschrieben und die Situation mit Ihrer Nachbarin geschildert. Sie schreiben es zwar nicht explizit, aber offensichtlich ist es so, dass sie unter einer Demenz leidet. Je nachdem, wie weit diese fortgeschritten ist, lebt sie in ihrer eigenen Welt mit ihren eigenen Wahrnehmungen. Diese sind für Ihre Nachbarin sicher stimmig, aber für andere Menschen meist schwer nachvollziehbar. Insofern hat es auch wenig Sinn, mit ihr zu argumentieren und zu diskutieren, denn es wird Ihnen nicht gelingen, sie von der „richtigen“ Realität zu überzeugen, wenn sie ihre eigene hat und daran glaubt. Wir raten Ihnen eher zu einem verständnisvollen Umgang. Sie müssen nicht lügen, aber eine ausweichende oder ablenkende Antwort kann die Situation auflösen und Ihre Nachbarin beschwichtigen.

      Mit freundlichen Grüßen

      Katharina von Croy
      Referentin Fachstelle Demenz

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